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openSUSE – Das Chamäleon aus Nürnberg

Wenn es um Linux-Distributionen geht, denken viele zuerst an Ubuntu oder Debian. Dabei hat Deutschland eine der ältesten und technisch ausgefeiltesten Linux-Distributionen überhaupt hervorgebracht: SUSE Linux – und mit ihm die Community-Variante openSUSE. Mit Leap 16.0 erschien im Oktober 2025 eine der bedeutendsten Versionen der letzten Jahre. Höchste Zeit für einen genaueren Blick.


„Made in Germany“ – Eine kurze Geschichte

Am 2. September 1992 gründeten Roland Dyroff, Burchard Steinbild, Hubert Mantel und Thomas Fehr in Nürnberg die Gesellschaft für Software und Systementwicklung mbH – kurz S.u.S.E. GmbH. Drei der vier Gründer waren zu diesem Zeitpunkt noch Mathematikstudenten. Der Name „S.u.S.E.“ war ein Akronym für „Software- und System-Entwicklung“ – und eine Anspielung auf Konrad Zuse, den deutschen Erfinder des modernen Computers.

Die erste GNU/Linux-Distribution (S.u.S.E. Linux 1.0) erschien 1994 – und macht SUSE damit zu einer der ältesten noch existierenden Linux-Distributionen der Welt. Damit ist openSUSE nicht nur ein technisch ausgereiftes Projekt, sondern auch ein Stück europäische IT-Geschichte.

Im Jahr 2003 wurde SUSE von Novell übernommen. 2005 startete das openSUSE-Projekt mit dem Ziel, die Entwicklung zu öffnen und die Community stärker einzubinden. Heute ist SUSE ein weltweit agierendes Unternehmen – mit operativem Hauptsitz weiterhin in Nürnberg.

Das Maskottchen des Projekts ist das Chamäleon – ein Sinnbild für Anpassungsfähigkeit und Vielseitigkeit. Und genau das trifft auf openSUSE zu.


Zwei Welten: Leap und Tumbleweed

Das openSUSE-Projekt bietet zwei grundverschiedene Varianten:

openSUSE Leap ist die klassische, stabile Festversions-Distribution. Ähnlich wie Ubuntu LTS richtet sie sich an Nutzer, die Verlässlichkeit und langen Support über Anpassbarkeit stellen. Leap baut direkt auf SUSE Linux Enterprise (SLE) auf – dem kostenpflichtigen Enterprise-Produkt. Das bedeutet binäre Kompatibilität: Wer mit Leap entwickelt und testet, kann später problemlos zu SLE migrieren.

openSUSE Tumbleweed ist das genaue Gegenteil: ein Rolling Release, das fortlaufend mit den neuesten Software-Versionen versorgt wird – kein halbjährlicher Releasezyklus, kein Warten auf neue Versionen. Tumbleweed ist die erste Adresse für Entwickler, Power-User und alle, die immer auf dem aktuellen Stand sein wollen. Tumbleweed dient gleichzeitig als Upstream für Leap – Neuerungen, die sich in Tumbleweed bewähren, landen irgendwann auch in Leap.


openSUSE Leap 16.0 – Was ist neu?

Leap 16.0 wurde am 1. Oktober 2025 veröffentlicht und basiert auf SUSE Linux Enterprise Server 16.0. Das Major-Version-Update bringt einen frischen Software-Stack, einen neuen Installer und vereinfachte Migrationsmöglichkeiten.

Jeder Leap-16-Minor-Release erhält 24 Monate Community-Support. Die gesamte Leap-16.x-Linie wird bis Juli 2034 unterstützt; mit Long Term Service Pack Support sogar bis Dezember 2037. Damit bietet Leap 16 eine für eine Community-Distribution außergewöhnlich lange Planungssicherheit.


Agama – Der neue Installer

Das auffälligste Novum in Leap 16.0 ist der brandneue Agama-Installer, der den jahrzehntealten YaST-basierten Installer ablöst.

Leap 16 liefert den neuen Agama-Installer aus, der eine modernere Einrichtungserfahrung gegenüber dem abgekündigten YaST-basierten Installer bietet.

Agama ist ein vollständig neu entwickeltes, webbasiertes Installations-Framework. Es läuft im Browser – auch im lokalen Netzwerk von einem anderen Gerät aus bedienbar – und bietet eine deutlich aufgeräumtere Benutzeroberfläche als sein Vorgänger. Unter der Haube nutzt Agama weiterhin libzypp als Paketlöser, präsentiert sich nach außen aber als modernes Single-Page-App-Interface. Für erfahrene Nutzer bleibt der Komfort der bekannten Partitionierungs- und Netzwerkkonfiguration erhalten, nur in zeitgemäßem Gewand.


Myrlyn – Paketverwaltung der nächsten Generation

Parallel zum Agama-Installer hält mit Myrlyn ein neues grafisches Paketverwaltungs-Frontend Einzug.

Myrlyn ist eine eigenständige Qt-6/C++-Anwendung ohne Ruby- oder YaST-Abhängigkeiten. Sie verbessert Geschwindigkeit, Reaktionsfähigkeit und Benutzerfreundlichkeit erheblich. Myrlyn bringt auch nutzerfreundliche Neuerungen mit, darunter einen Nur-Lese-Browsing-Modus und eine vereinfachte Handhabung von Distributions-Upgrades, die YaST bisher nicht bot.

Myrlyn ersetzt das bisherige YaST-Software-Modul als grafische Oberfläche für Softwareinstallation und Repositoryverwaltung – schneller, schlanker, moderner. Die bewährte Kommandozeile Zypper bleibt selbstverständlich erhalten. Leap 16 unterstützt außerdem Parallel-Downloads im Paketmanager Zypper, um Software-Installationen und -Updates zu beschleunigen.

YaST tritt damit in den Community-Maintenance-Modus über; Konfigurationsaufgaben, die bisher YaST übernommen hat – Firewall, Netzwerk, Benutzerverwaltung – wandern zu spezialisierten Werkzeugen wie dem Cockpit-Webinterface.


GRUB2-BLS – Moderner Bootloader

Ein weiteres technisches Highlight: openSUSE verabschiedet sich vom klassischen GRUB2 und setzt auf GRUB2-BLS.

GRUB2-BLS ist eine Version des GRUB2-Bootloaders, die vom Fedora-Projekt für Kompatibilität mit der Boot Loader Specification (BLS) für Typ-#1-Boot-Einträge gepacht wurde – kleine Textdateien, die im Ordner /boot/efi/loader/entries gespeichert werden.

Was bedeutet das in der Praxis? Statt einer monolithischen GRUB-Konfigurationsdatei gibt es für jeden Boot-Eintrag eine eigene, lesbare Textdatei. Das macht die Boot-Konfiguration transparenter, einfacher zu bearbeiten und besser kompatibel mit systemd-basierter Vollverschlüsselung. BLS-Einträge werden als separate Dateien gespeichert, anstatt eine einzige große Konfigurationsdatei zu generieren.

Tumbleweed ist bereits einen Schritt weiter: openSUSE Tumbleweed hat für Neuinstallationen inzwischen systemd-boot als Standard-Bootloader eingeführt, das GRUB2-BLS ablöst. Bestehende Installationen behalten ihren bisherigen Bootloader.https://kde.org/de/plasma-desktop/


Desktop-Umgebungen

Leap 16.0 fokussiert sich auf drei Desktops:

Die Desktop-Auswahl umfasst jetzt drei Optionen: GNOME 48, KDE Plasma 6.4 und eine experimentelle Xfce-4.20-Session mit dem labwc-Compositor. Weniger Optionen als zuvor, aber ein moderner, sicherer Display-Stack mit besserer Performance.

KDE Plasma ist der klassische Standard von openSUSE und nach wie vor erste Empfehlung – hochgradig anpassbar, ressourcenschonend und mit einer Oberfläche, die Windows-Umsteigern schnell vertraut vorkommt.

GNOME 48 bietet eine aufgeräumte, moderne Arbeitsumgebung mit exzellenter Wayland-Integration und dem gewohnten GNOME-Workflow.

Das Xfce 4.20 in Leap 16.0 unterstützt Fractional Scaling, einen leistungsfähigeren Dateimanager mit anpassbaren Tastenkombinationen sowie Verbesserungen bei Panel, Energieverwaltung und Barrierefreiheitswerkzeugen.


Weitere bemerkenswerte Neuerungen

Sicherheit: SELinux ist als Standard-Sicherheitsframework aktiviert (in Übereinstimmung mit SUSEs Enterprise-Angeboten), während AppArmor nach der Installation weiterhin als Option verfügbar bleibt.

Audio: Der Audio-Stack wurde modernisiert: PipeWire ersetzt PulseAudio als Standard-Sound-Server; bestehende PulseAudio-Konfigurationen werden dabei automatisch migriert.

Nur noch 64-Bit: openSUSE Leap 16 ist ausschließlich 64-Bit: Die Unterstützung für 32-Bit-Binaries wurde entfernt. In der Praxis bedeutet das, dass alle Installationsmedien und Pakete ausschließlich x86_64 (oder 64-Bit-ARM/Power) ansprechen. Wer 32-Bit-Unterstützung für Steam-Gaming benötigt, kann diese nachträglich manuell aktivieren.

CPU-Mindestanforderungen: Die minimale CPU-Anforderung wurde auf die x86-64-v2-Architektur angehoben – das entspricht in etwa AMD Phenom II/Opteron- oder Intel-Nehalem-CPUs ab circa 2008.

Server und Wissenschaft: Leap unterstützt weiterhin die Bereiche Gesundheit, Wissenschaft, Forschung und Bildung mit Software wie GNU Health, QGIS und Octave. Mit 16.0 sind zusätzliche Observability- und Datenanalyse-Tools wie Grafana, Prometheus und InfluxDB verfügbar.


Tumbleweed – Für alle, die immer aktuell sein wollen

Neben Leap bleibt Tumbleweed die lebendige Seite des openSUSE-Projekts. Hier landen neue Kernel, neue Desktop-Versionen und neue Tools, sobald sie bereit sind. Wer als Entwickler stets auf dem neuesten Stand sein möchte oder die neueste Hardware-Unterstützung braucht, ist mit Tumbleweed bestens bedient.

Dabei ist Tumbleweed dank des openQA-Testsystems – das automatisch jeden Snapshot vor der Veröffentlichung prüft – erstaunlich stabil für ein Rolling Release. Viele Nutzer betreiben Tumbleweed problemlos auf ihrem Hauptsystem.


Systemvoraussetzungen im Überblick

DesktopServer
Prozessorx86-64-v2 (ca. ab 2008)x86-64-v2
RAM (Minimum)2 GB512 MB
RAM (Empfohlen)4–8 GB2 GB+
Speicher40 GB+20 GB+
Architekturx86_64, aarch64, ppc64lex86_64, aarch64, ppc64le, s390x

Wann ist openSUSE die richtige Wahl?

openSUSE Leap ist ideal, wenn:

  • man Enterprise-Nähe schätzt und ggf. später zu SUSE Linux Enterprise migrieren möchte
  • man langen, stabilen Support bei stabiler Codebasis bevorzugt
  • man intensiv mit KDE Plasma arbeiten möchte – hier ist openSUSE seit Jahrzehnten zuhause
  • man Btrfs mit Snapper zur automatischen Systemwiederherstellung nutzen möchte (Snapshots vor und nach jedem Update – einzigartig im Linux-Ökosystem)
  • man als Entwickler oder ISV eine verlässliche Enterprise-Plattform sucht

openSUSE Tumbleweed ist ideal, wenn:

  • man immer die neueste Software benötigt
  • man aktiv in der Open-Source-Entwicklung mitarbeitet
  • man auf neuer Hardware aktuelle Treiber und Kernel braucht

Meine persönliche Einschätzung

openSUSE Leap 16.0 ist eine ausgereifte, technisch hochwertige Distribution – und ein klares Statement, dass die Linux-Geschichte in Deutschland lebendig bleibt. Agama und Myrlyn zeigen, dass das Projekt keine Angst hat, langjährige Werkzeuge durch bessere zu ersetzen.

Für Kunden, die ich bei der Server-Administration berate, ist openSUSE – neben Debian und Ubuntu Server – eine ernsthafte Option: besonders dann, wenn eine klare Upgrade-Linie zu einem kommerziellen Enterprise-Support gewünscht wird. Wer mit openSUSE Leap aufbaut, kann bei Bedarf nahtlos zu SUSE Linux Enterprise wechseln – ohne Systemwechsel, ohne Neukonfiguration.

Für den Desktop-Einsatz gilt: Wer KDE Plasma mag und Stabilität über maximale Aktualität stellt, wird mit Leap glücklich. Wer immer up-to-date sein will, greift zu Tumbleweed.


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